Friedhöfe im Wartburgkreis entdecken

Von Sandra Blume.


 

Das Laub raschelt unter meinen Füßen. Eine Amsel zwitschert. Sonst Stille. Ein Spaziergang über einen herbstlichen Friedhof ist ein wenig wie aus der Zeit treten. Innehalten. Die Zeit anhalten.

Dabei macht dieser Ort mehr als jeder andere bewusst, wie kurz, die Zeit ist, die mir zum Leben bleibt. Wo war ich, bevor ich empfangen wurde? Ein interessantes Rätsel, aber eines mit dem ich leben kann, wenn es ungelöst bleibt. Hingegen: wo werde ich nach meinem Tode sein? Das ist keine Frage, die je leichthin abgetan wurde. Seit der ersten Totenbestattung vor etwa 50.000 Jahren sind Beerdigungen Rituale, die den Übergang in eine fortwährende Zeit, nicht aber einen endgültigen Schluss feiern. Der Wunsch einer Existenz nach dem Tod hat die Entwicklung aller Kulturen begleitet. Tot ist nur, wer vergessen wird, sagt Philosoph Immanuel Kant. Wenn wir schon nicht wissen, was nach dem Tod kommt, so möchten wir doch wenigstens sicherstellen, dass wir nicht vergessen werden. Steingewordene Zeichen dieses Wunsches sind unsere Friedhöfe. Sie laden - auch im traurigen November - zu Spaziergängen ein, die ganz und gar nicht traurig machen.

Kurioses, Spannendes und Berühren- des ist auf den Friedhöfen im Wartburgkreis zu entdecken und so mancher kleine Dorffriedhof wartet mit überraschenden Einblicken und herrlichen Ausblicken auf. Beispielsweise der Bergfriedhof Steinbach. Einer der steilsten in Europa soll er sein. Der Ausblick über die Dächer Steinbachs ist atem- beraubend. Barocke Grabmäler mit traurigen und fröhlichen Engeln, ein hölzernes Glockenhaus, das bis heute die Läuteglocken der benachbarten Barockkirche beherbergt, belohnen den neugierigen Spaziergänger für den Aufstieg. Schön und weit oben ist auch der Friedhof der Stadt Kaltennordheim mit der St. Kilianskirche in deren Fußboden die Grabstätten von Amtsvögten und örtlichen Adligen eingelassen sind. Mit gleich zwei Friedhöfen wartet die Bergstadt Ruhla auf. Noch bis 1920 gehörte die Stadt zwei verschiedenen Herzogtümern an - die Grenze verlief mitten durch die Stadt. Diesem Kuriosum verdankt es sich, dass Ruhla heute nicht nur zwei beeindruckende Kirchen sondern auch zwei Friedhöfe besitzt. Und noch immer gilt die Regel: auf der Seite der Stadt auf der man geboren wurde, wird man auch bestattet. Auch der Friedhof in Geisa hat Ungewöhnliches zu bieten: Vom Schlossplatz spaziert man über eine eindrucksvolle Allee am mittelalterlichen Zehntgericht vorbei hinauf zum Gangolfiberg. An der kleinen Friedhofskapelle St. Gangolf ist eine Außenkanzel zu entdecken, die vermuten lässt, dass der Gangolfiberg früher ein Wallfahrtsort war. Am Ortsausgang von Geisa in Richtung Schleid zeugt ein schlichter, kleiner jüdischer Friedhof vom einstigen jüdischen Leben in Geisa.

Auch in Vacha, Barchfeld und Stadtlengsfeld sind noch jüdische Friedhöfe zu entdecken. Durch ein schmiedeeisernes Portal betritt man den jüdischen Friedhof in Stadtlengsfeld (Besichtigung nur über Stadtinformation). Über 600 Gräber mit Steinen aus drei Jahrhunderten, die die Last der Geschichte scheinbar in alle Richtungen gedrückt hat, zeugen von der Unantastbarkeit der Toten
ruhe im jüdischen Glauben. Beth Olam heißt der jüdische Friedhof. Das bedeutet soviel wie „Haus des ewigen Lebens“ oder auch „Guter Ort“. Und das sind unsere Friedhöfe alle: gute Orte für ein Stück Ewigkeit, zum Innehalten und Spazieren gehen - im November.

 

Quelle: Kreisjournal - Amtsblatt des Wartburgkreises vom 19.11.2013