Wie sich in Eisenach der Umgang mit den Verstorbenen wandelte

Trauerzug des Eisenacher Industriellen und Mäzen Paul Rudolph Eduard Stöhr am 1. März 1928

Der Tod ist ein Thema, das gern ausgeblendet wird. Im besten Fall betrifft er immer die anderen, findet in Krankenhäusern und Pflegeheimen statt. Das Leben – so scheint es – ist das Eine, der Tod aber eine ganz andere Sache. Dabei gehört beides untrennbar zusammen.
„In den letzten Jahrzehnten fand eine Anonymisierung und Rationalisierung des Sterbens statt“, stellt Sibylle Lehmann, langjährige Mitarbeiterin des Bestattungsinstituts der Stadtwirtschaft Eisenach, fest. „Insbesondere die Ausbreitung der anonymen Beisetzung oft sogar mit Verzicht auf eine Trauerfeier zeugte davon, dass der Tod eher als ein pragmatisch zu lösendes Problem, denn als Anlass für aufwendige Trauerzeremonien betrachtet wurde.“

Wer nach Erklärungen für diese Entwicklung fragt, dem wird häufig mit der griffigen Formel von der “Verdrängung des Todes” geantwortet. Tatsächlich ist es aber eher so, dass die moderne Gesellschaft den Tod in funktionale Einzelelemente zerlegt hat. Krankenhaus und Pflegeheim, Bestattungsunternehmen und Friedhofsverwaltung übernehmen Aufgaben, die in früheren Jahrhunderten in der Hand der Kirchen, aber auch der Familien selbst, ihrer Freunde und Nachbarn lagen.

Der Friedhof lag bis 1868 mitten in der Stadt

Gegen Ende des 19. Jahrhundert ist der Beginn dieser Entwicklung auszumachen. Die Kirchen verlieren in dieser Zeit zunehmend an Einfluss auf den Umgang mit den Toten. Dies hängt auch damit zusammen, dass die innerstädtischen Friedhöfe aus Gründen der Hygiene vor die Stadttore verlegt werden und so in die Verwaltung der Städte und Gemeinden übergehen.
Auch in Eisenach entschließt sich die Stadtverwaltung, am Wartenberg – weit außerhalb des Stadtzentrums -  einen neuen Friedhof anzulegen. Am 19. Juni 1868 wird das symmetrisch und parkartig angelegte Gelände eingeweiht.

Vergessener Beruf: die Leichenfrau

Eine Trauerhalle gibt es nicht und so werden die Verstorbenen nach wie vor in der Trauerhalle des alten Friedhofs an der Kreuzkirche aufgebahrt. Nach der Trauerfeier in der Kreuzkirche muss jeder Trauerzug den beschwerlichen Weg durch die ganze Stadt nehmen. Dreißig Jahre lang ist diese Prozedur vonnöten, bis schließlich 1901 eine städtische Trauerhalle und eines der ersten deutschen Krematorien auf dem Hauptfriedhof eingeweiht werden. Die Zahl der häuslichen Aufbahrungen (und das damit verbundene ritualisierte Abschiednehmen im Kreis der Familie) geht kontinuierlich zurück und wird aus hygienischen Gründen zeitweise sogar gesetzlich verboten.
Ebenso verschwindet nach und nach das Berufsbild der Leichenfrau.
Die Leichenfrau -  auch Totenpackerin, Seelweibchen oder Einmacherin genannt – ist  im frühen 20. Jahrhundert neben dem Pfarrer oft die erste Ansprechpartnerin für die Trauernden. Sie richtet den Leichnam her, wäscht und kleidet ihn, schneidet Haare und Fingernägel und führt bei diesen Verrichtungen traditionelle Rituale aus. Sie kümmert sich um viele organisatorische Dinge: informiert den Pfarrer, bestellt die Sargträger, den Kinder- bzw. Posaunenchor und das Geläut. Oft ist die Leichenfrau auch in der Funktion des Leichenbitters unterwegs, um Freunde und Bekannte des Verstorbenen zu informieren und zur Beerdigung zu bitten.

In den Eisenacher Adress- bzw. Branchenbüchern sind die Leichenfrauen namentlich aufgeführt. Im Eisenach der 1910er und 1920er Jahre sind es Hermine Tischendorf und Karoline Tischer, die sich um die Toten und ihre Angehörigen kümmern. Sie sind Unternehmerinnen, aber bewegen sich am Rande der Gesellschaft, oft angefeindet und verachtet, wie im Übrigen alle, die damals mit der Versorgung und Bestattung der Toten zu tun haben.
Mit dem Aufkommen der Zeitungen und den damit entstandenen Möglichkeiten, Angehörige zu informieren, aber insbesondere auch mit der Entstehung der ersten Bestattungsunternehmen verlieren die Leichenfrauen immer mehr an Bedeutung.

Die Trauernden rannten von Behöre zu Behörde

Das älteste Bestattungsinstitut in Eisenach und der Wartburgregion ist die
Stadtwirtschaft Eisenach GmbH. Die Gründung des Instituts verdankt sich den chaotischen Zuständen im Friedhof- und Begräbniswesen, die in dieser Zeit in Eisenach herrschen.
Mit der zunehmenden Trennung von Kirche und Staat fallen im Eisenach der Jahrhundertwende Sterbefälle in die Zuständigkeit mehrerer städtischer Ämter wie der Polizeiverwaltung, der Grundstücksverwaltung, der Ökonomieverwaltung und dem Bauamt. Die diversen Ämter zu kontaktieren und zu konsultieren ist für die Hinterbliebenen mit großem Aufwand und oft vielen Ärgernissen verbunden.
Ein „unhaltbarer Zustand“ findet der Stadtvorstand und zweite Bürgermeister Gerhard Schneider und stellt am 6. Mai 1920 an den Gemeinderat den Antrag, ein städtisches Friedhofsamt zu schaffen, da „das Publikum durch diese weit verzweigte Geschäftsführung in höchstem Maße belästigt“ werde.

In den gesammelten Akten im Eisenacher Stadtarchiv ist dieses Schreiben ebenso wie Schneiders Vorschlag, das neue Amt mit „einem Assistenten und einem älteren Gehilfen“ zu besetzen, erhalten geblieben. Am 2. Juni 1920 wird die Einrichtung genehmigt und das erste Bestattungsinstitut der Stadt nimmt seine Arbeit auf. Die Leichenfrauen werden wie auch die Leichenträger nunmehr vom Amt unter Honorar genommen, bis sie ins Angestelltenverhältnis übergehen und schließlich nicht mehr unter ihren Berufsbezeichnungen im Adressbuch geführt werden.
 
Vorläufer heutiger Bestattungsinstitute entstehen

Das städtische Bestattungsinstitut Eisenachs symbolisiert in seiner Entstehung den grundlegenden Wandel in der Bestattungskultur, der sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vollzieht. In dieser Zeit entstehen die Vorläufer heutiger Bestattungsunternehmen, die erstmals alle Dienstleistungen – von der Aufbahrung und Versorgung über den Transport, den Verkauf von Särgen und Urnen, der Erledigung von Behördenwegen bis zur Beerdigung selbst – aus einer Hand anbieten und zugleich einen verwaltungsmäßigen Umgang mit den Toten und ihren Angehörigen einführen. Kompetent, dezent und immer noch oft verächtlich behandelt, wirken die Mitarbeiter der Bestattungsinstitute jahrzehntelang im Hintergrund.

Erst seit den 90er Jahren ist für das Bestatterhandwerk ein Imagewechsel zu beobachten. Heutige Bestatter sind als Erbringer einer existenziellen Dienstleistung  durchaus angesehen. Sie arbeiten auf der Grundlage einer hohen fachlichen und ethischen Kompetenz; beraten, begleiten und entlasten.

Diamanten, Almwiesen und mehr

„Die meisten Leute wünschen sich ein kompetentes und aufgeschlossenes Unternehmen“, erklärt Joachim Gummert, Geschäftsführer der Stadtwirtschaft Eisenach. „Ein Unternehmen, das sie im Trauerfall ebenso wie zum Thema Bestattungsvorsorge berät, das für die Gestaltung der Trauerfeier zum Eventmanager wird und den Trauernden auch in den Wochen nach der Beerdigung mit Einfühlungsvermögen zur Seite steht.“ Denn obwohl die Zahl der anonymen Bestattungen auf der grünen Wiese unvermindert hoch ist und weiter steigt, beobachten die Mitarbeiter des traditionsreichen Unternehmens in den letzten Jahren eine erneute Trendwende in der Bestattungskultur.

Immer mehr Menschen wünschen sich, auf individuelle Weise Abschied zu nehmen: sei es bei der Gestaltung der Trauerfeier, bei der Wahl der Bestattungsart oder der Gestaltung der Grabstätte. „Und so mancher ist überrascht, was es heute alles für Möglichkeiten gibt“, weiß Gummert zu berichten „Die Diamantbestattung, die letzte Ruhe unter Bäumen, Felsen, im Meer oder auf einer Almwiese. Die Hinterbliebenen können helfen, den Verstorbenen herzurichten, sie können Grabbeigaben zusammenstellen, Totenmasken, Hand-, Fuß- und Fingerabdrucke machen lassen, Särge und Urnen bemalen oder auch als Sargträger fungieren. Darüber hinaus bieten wir auch wieder die Hausaufbahrung zum Abschiednehmen im Familienkreis an.“,

Das individuelle Abschiednehmen mit neuen und alten Ritualen erleichtert es, den Tod eines nahe stehenden Menschen zu akzeptieren und zu verarbeiten. Denn der Tod ist eben keine Sache, die nur anderen passiert, er gehört notwendig zum Leben dazu.

 

Quelle: TA 13.04.2013 / Sandra Blume